Buchtipp: Ringel, Rangel, Rosen

Kirsten Boie ist eine der bekanntesten und besten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Als eine der ganz wenigen schreibt sie für alle Altersklassen: Von ihr gibt es gibt Pappbilderbücher, Kinderbücher und Jugendromane. Kurz vor ihrem 60. Geburtstag erschien nun ihr neues Buch "Ringel, Rangel, Rosen". Im Mittelpunkt steht die Hamburger Sturmflut von 1962. Die 13-Jährige Karin sucht in dem Kinderreim Trost. Jahre scheint es her zu sein, dass die Nachbarskinder friedlich vor der Haustür spielten. Jetzt gibt es die nicht mehr: Quasi über Nacht verschwand die ganze Siedlung mit ihren nach dem Zweiten Weltkrieg hinter dem Elbdeich errichteten Behelfsheimen in den Fluten.
Die Autorin hat die Sturmflut als Elfjährige selbst erlebt - allerdings nicht als Betroffene. Sie brachte damals Wolldecken in Sammelstellen. "Das hat sich mir doch sehr eingeprägt", sagt Boie heute. "Wir haben später in einem Haus gewohnt, mit einer Familie, die mit vier Kindern auf einem Dach die Sturmflut überlebt hatte." So sei die Sturmflut für sie "ein lebenslanges Thema" gewesen. Sehr genau hat sie die Atmosphäre jener Zeit eingefangen, erzählt von der scheinbaren Nachkriegsidylle, in der die Nachbarschaft sich regelmäßig mit Knabberzeug vor dem Fernseher versammelte und die Mädchen mit 13 noch Zöpfe tragen mussten.
Prägende Erfahrung einer Generation
"Paradies" überschreibt die Autorin jene Kapitel, in denen sie das Familienleben in den Behelfsheimen schildert. Doch das steht auf tönernen Füßen: Die Fernsehnachrichten berichten über den Eichmann-Prozess und der lustige Onkel Heinrich war angeblich bei der SS. "Ich gehöre ja zu einer Generation, die irgendwann begriffen hat, dass ihre Eltern in einer Zeit gelebt haben, in der ganz fürchterliche Dinge passiert sind", sagt Boie. Die Generation habe sich fragen müssen: "Wie viel haben meine Eltern davon gewusst?" Gerade in der Pubertät hätten Menschen oft einen ausgeprägten moralischen Rigorismus und verurteilten ihre Eltern. "Ich denke, das ist für meine Generation eine sehr prägende Erfahrung gewesen."
Wunderbare Alltagsminiaturen
Insofern knüpft Boie mit "Ringel, Rangel, Rosen" an ihren Roman "Monis Jahr" an, in dem sie aus der Sicht einer Zehnjährigen die 50er-Jahre Revue passieren lässt. Hier wie dort gelingt der Autorin das Kunststück, Zeitgeschichte auf einfache, direkte Weise lebendig zu machen. Sie blickt nicht historisierend oder gar besserwisserisch zurück, sondern lässt mithilfe vieler kleiner Details ein Lebensgefühl wiederauferstehen. Karin wird zur Freundin, doch auch ihre Eltern behalten ihre Würde: Keiner richtet über sie - außer Karin. Kirsten Boie gelingen wunderbare Alltagsminiaturen und sie beschreibt den Untergang einer eben nur beinahe heilen Kinderwelt.
Insofern ist "Ringel, Rangel, Rosen" auch ein Buch über das Erwachsenwerden. Beide Themen seien keine leichten, vergnüglichen, unterhaltsamen Geschichten, so die Autorin. "Ich denke, das ist ein Buch für Jugendliche, die ohnehin schon gerne und vielleicht sogar schon leidenschaftlich lesen und aus ihrer Lektüre noch was anderes haben wollen, was vielleicht ein bisschen tiefer geht." "Ringel Rangel Rosen" sind viele solcher Leser zu wünschen - auch der eine oder andere Erwachsene sollte dazugehören.
- "Ringel, Rangel, Rosen" von Kirsten Boie, Oetinger Verlag, 192 Seiten, ISBN: 3789131822, Preis: 14,95 Euro






